Rechtssicherheit beim häuslichen Arbeitszimmer: BMF modifiziert seinen Anwendungserlass

27.12.2017

| Bereits 2011 hatte das BMF in einem ausführlichen Schreiben zum häuslichen Arbeitszimmer und den Abzugsbeschränkungen nach § 4 Abs. 5 S. 1 Nr. 6b EStG Stellung bezogen. In den vergangenen Jahren hat der BFH jedoch zahlreiche Entscheidungen zu Fragen getroffen, die im Anwendungserlass entweder noch anders gelöst oder gar nicht angesprochen wurden. Somit ist es erfreulich, dass das BMF (6.10.17, IV C 6 - S 2145/07/10002 :019) den Erlass nun neu aufgelegt und die neue Rechtsprechung übernommen hat. Wesentliche Änderungen werden vorgestellt. |

1. Begriff des häuslichen Arbeitszimmers

Ein häusliches Arbeitszimmer erfordert eine so gut wie ausschließlich betriebliche und/oder berufliche Nutzung, wobei eine untergeordnete private Mitbenutzung von < 10 % unschädlich ist.

Der Ausschluss der Aufwendungen gilt daher erst recht für Räume, die bereits nach ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht dem Typus des Arbeitszimmers zuzurechnen sind, sondern ihrer Art (z. B. Durchgangszimmer) oder ihrer Einrichtung nach erkennbar auch privaten Wohnzwecken dienen (BFH 27.7.15, GrS 1/14). Somit sind die Aufwendungen für eine Arbeitsecke im Schlafzimmer oder Wohnzimmer nicht (anteilig) abziehbar.

Auch Aufwendungen für Räume wie Küche, Bad und Flur, die in die häusliche Sphäre eingebunden sind und zu einem nicht unerheblichen Teil privat genutzt werden, können bei einem existierenden häuslichen Arbeitszimmer nicht in die Kostenberechnung einbezogen werden (BFH 17.2.16, X R 26/13).

2. Ermittlung der abzugsfähigen Kosten


Bei der Ermittlung der auf das Arbeitszimmer entfallenden anteiligen Kosten (Miete, Grundsteuer etc.) erfolgt die Aufteilung grundsätzlich nach dem Verhältnis der Fläche des Arbeitszimmers zur Wohnfläche (einschließlich des Arbeitszimmers). Nicht zur Wohnfläche gehören die Grundflächen von Zubehörräumen.

Beachten Sie | Entspricht ein im Keller belegenes häusliches Arbeitszimmer dem Standard eines Wohnraums, gehört es zu den Haupträumen der Wohnung. Die Konsequenz: Der Anteil der auf dieses Arbeitszimmer entfallenden Gebäudekosten ist nach dem Verhältnis der Fläche des Arbeitszimmers zur Fläche der reinen Wohnfläche zuzüglich des Arbeitszimmers zu ermitteln. Die Fläche der übrigen im Keller belegenen (Neben-)Räume bleibt hingegen unberücksichtigt (BFH 11.11.14, VIII R 3/12).

3. Mittelpunkt der Gesamttätigkeit

Stellt das Arbeitszimmer den Mittelpunkt der gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung dar, dann erfolgt keine Kostendeckelung auf 1.250 EUR, sodass die Kosten unbeschränkt abzugsfähig sind. Bei Ermittlung des Mittelpunkts der Gesamttätigkeit ist zu beachten, dass nur solche Einkünfte zu berücksichtigen sind, die grundsätzlich ein Tätigwerden des Steuerpflichtigen im jeweiligen Veranlagungszeitraum erfordern. Entsprechend hat der BFH entschieden, dass Versorgungsbezüge außer Betracht bleiben, da sie kein Tätigwerden des Steuerpflichtigen mehr erfordern (BFH 11.11.14, VIII R 3/12).

Beachten Sie | Das häusliche Arbeitszimmer ist weder Mittelpunkt der Gesamttätigkeit bei einem Hochschullehrer (BFH 27.10.11, VI R 71/10) noch bei einem Richter (BFH 8.12.11, VI R 13/11).

4. Anderer Arbeitsplatz

Der Betriebsausgaben- oder Werbungskostenabzug für ein häusliches Arbeitszimmer ist bis zum Höchstbetrag von 1.250 EUR möglich, wenn dem Steuerpflichtigen für die Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Ein anderer Arbeitsplatz i. S. des § 4 Abs. 5 S. 1 Nr. 6b S. 2 EStG ist grundsätzlich jeder Arbeitsplatz, der zur Erledigung büromäßiger Arbeiten geeignet ist (BFH 7.8.03, VI R 17/01). Die konkreten Arbeitsbedingungen und Umstände, z. B. Lärmbelästigung oder Publikumsverkehr (BFH 7.8.03, VI R 162/00), sind grundsätzlich unbeachtlich. Ferner wird kein räumlich abgeschlossener Arbeitsbereich oder ein individuell zugeordneter Arbeitsplatz gefordert. Somit ist auch ein Arbeitsplatz in einem Großraumbüro (BFH 7.8.03, VI R 17/01) oder in der Schalterhalle einer Bank (7.8.03, VI R 162/00) ein anderer Arbeitsplatz i. S. der Vorschrift.

Ein anderer Arbeitsplatz liegt nach der neueren BFH-Rechtsprechung hingegen nicht vor, wenn

  • dieser wegen Gesundheitsgefahr nicht nutzbar ist (BFH 26.2.14, VI R 11/12),
  • sich Betriebsprüfer einen Poolarbeitsplatz teilen müssen (im Streitfall: 3 Arbeitsplätze für 8 Großbetriebsprüfer, BFH 26.2.14, VI R 37/13),
  • ein Selbstständiger den Arbeitsplatz nicht uneingeschränkt nutzen kann (BFH 22.2.17, III R 9/16).


5. Arbeitszimmer bei Erzielung unterschiedlicher Einkünfte


Nutzt der Steuerpflichtige ein häusliches Arbeitszimmer, um unterschiedliche Einkünfte zu erzielen (z. B. nichtselbstständige Einkünfte und freiberufliche Nebeneinkünfte) und steht ihm z. B. nur bei der freiberuflichen Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung, dann sind die Aufwendungen entsprechend dem Nutzungsumfang den darin ausgeübten Tätigkeiten zuzuordnen. Anschließend ist der auf die freiberuflichen Einkünfte entfallende Kostenanteil bis zur Höhe von 1.250 EUR als Betriebsausgaben abziehbar.

Beachten Sie | Steht dem Steuerpflichtigen bei beiden Tätigkeiten kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung, können die insgesamt auf das Arbeitszimmer entfallenden Aufwendungen bis zur Höhe von maximal 1.250 EUR als Betriebsausgaben oder Werbungskosten abgezogen werden (BFH 25.4.17, VIII R 52/13). Eine Vervielfachung des Höchstbetrags ist ausgeschlossen.

6. Personenbezogene Abzugsbeschränkung

Der Betriebsausgaben- oder Werbungskostenabzug ist zwar nicht auf den Abzug der Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer beschränkt, wohl aber auf den personenbezogenen Höchstbetrag von 1.250 EUR begrenzt. Das bedeutet: Die betragsmäßige Beschränkung gilt auch dann, wenn der Steuerpflichtige im Veranlagungszeitraum nacheinander oder zeitgleich (in mehreren Wohnungen) zwei Arbeitszimmer genutzt hat (BFH 9.5.17, VIII R 15/15).

7. Arbeitszimmernutzung durch mehrere Steuerpflichtige

Nutzen mehrere Steuerpflichtige ein Arbeitszimmer, sind die Voraussetzungen des § 4 Abs. 5 S. 1 Nr. 6b EStG personenbezogen auf die einzelne steuerpflichtige Person zu prüfen (BFH 15.12.16, VI R 53/12 und VI R 86/13).

Beispiel

Die Eheleute EM und EF nutzen ein häusliches Arbeitszimmer jeweils zu 50 % (zeitlicher Nutzungsanteil) gemeinsam. Die Gesamtaufwendungen (5.000 EUR) haben sie entsprechend dem Nutzungsanteil getragen. Für EM bildet das Arbeitszimmer den Mittelpunkt seiner gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung, sodass er 2.500 EUR als Betriebsausgaben/Werbungskosten abziehen kann. Für EF steht kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung, sodass sie 1.250 EUR als Betriebsausgaben/Werbungskosten abziehen kann.

8. Vermietung eines häuslichen Arbeitszimmers

Vermietet ein gewerblich tätiger Steuerpflichtiger sein in seinem Wohnhaus belegenes Arbeitszimmer an seinen einzigen Auftraggeber und erfüllt das Arbeitszimmer nicht die Anforderungen an ein häusliches Arbeitszimmer (= private Mitbenutzung), dann gilt Folgendes (BFH 13.12.16, X R 18/12):

  • Die Mieteinnahmen sind als Betriebseinnahmen anzusetzen.
  • Die auf das Arbeitszimmer entfallenden Kosten sind jedoch wegen der Abzugsbeschränkungen des § 4 Abs. 5 S. 1 Nr. 6b EStG nicht als Betriebsausgaben abziehbar.

Beachten Sie | Zur Vermietung eines Büroraums an den Arbeitgeber vgl. BMF (13.12.05, IV C 3 - S 2253 - 112/05).

Fazit | Das BMF-Schreiben, das in allen offenen Fällen ab dem Veranlagungszeitraum 2007 gilt, ist zu begrüßen. Die Gesamtproblematik wird ausführlich und anhand von zahlreichen erläuternden Beispielen behandelt. Erfreulich ist auch, dass der BFH und das BMF nun „am gleichen Strang ziehen“, was für den Steuerpflichtigen und seinen steuerlichen Berater im Ergebnis zu mehr Rechtssicherheit führt.

IWW-Institut, Würzburg